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Seit einigen Jahren ist in Deutschland ein Streit über die Preise im Mobilfunk entbrannt. Nutzer aus dem Ausland berichten dort über viel niedrigere Gebühren insbesondere für mobiles Internet. Was ist daran dran? Sind die Preise im EU-Ausland wirklich geringer oder doch etwa gleich hoch?

Dieses Preisniveau ist auch unter Experten sehr umstritten. In diesen Artikel werden die Preise für mobiles Internet ggü. anderen EU-, EWR oder OECD-Staaten anhand von 3 neuen Studien verglichen, die alle auf Markterhebungen im Jahr 2017 basieren. Interessanterweise kommen sie dabei zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen.

Zur Vergrößerung der Grafiken auf die Bilder, für die Berichte das Quellenverzeichnis unter wählen.

BEREC Benchmark Data Report 2017

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Bericht

Die BEREC (Body for European Regulators for Electronic Communications) ist die oberste Regulierungsbehörde der EU. Die nationalen Regulierer, also in Deutschland die Bundesnetzagentur (BNetzA), unterstehen ihr. Am 8.3.18 veröffentlichte die BEREC einen Zwischenbericht zur Umsetzung des Roamings. Er basiert auf Zahlen für das Q2 und Q3 2017, also den Zeitraum April bis September 2017. Da alle großen Anbieter und nationalen Regulierungsbehörden daran teilgenommen haben, kann man die Ergebnisse als repräsentativ ansehen.

Eigentlich geht der Bericht gar nicht über Preise, sondern Roaming. Aber er beinhaltet eine größeren Datensatz über den Inlandsverbrauch, der sonst nicht gesammelt verfügbar ist. In dem Bericht kann man der Frage nachgehen: Was fragt der einzelne Kunde für sein gezahltes Geld an Leistung ab? Er behandelt also nicht die Frage der anderen Berichte: Was bietet der Betreiber für das Geld? Er verfolgt dagegen eine Nachfrage-orientierte Annäherung an die Preise, statt einer Angebots-orientierten.

Inhalt

Die ARPU (Average Revenue per User - dt.: durchschnittlicher Erlös pro Kunde) <GRAFIK 1> ist eine entscheidende Kerngröße der Rentabilität für Anbieter. Bei der BEREC wurde die ARRPU verglichen. Das ist der Average Revenue per Paying Customer also pro zahlender oder aktiver Kunde. Die monatliche ARRPU in Deutschland lag 2017 bei 10,82 € also nahe am EWR-Durchschnitt von 11,04 €, der eine große Varianz zwischen den Ländern aufweist (2 € - 29 €). Die ARPU sagt aber zunächst nichts darüber aus, wieviel Leistung man jeweils für sein Geld bekommt.

Danach wurde gefragt, was der Kunde für seine durchschnittlich 10,82 € konsumiert. Bei Sprachtelefonie muss zwischen ausgehenden und eingehenden Mobilfunkgesprächen unterschieden werden. Die obere Grafik ist ausgehend, die untere eingehend <GRAFIK 2>. Was bei den Gesprächen auffällt: Mit durchschnittlich 78 Minuten ausgehend und 37 Minuten eingehend ist die Gesprächsdauer nur etwa 1/2 so lang wie im EWR-Durchschnitt mit 144 bzw. 83 Minuten. Typisch dagegen sind die viel höheren ausgehenden Minuten ggü. eingehenden Minuten. Das lässt sich mit den Gesprächen vom Handy- ins Festnetz erklären, die aufgrund der Preise viel länger sind als andersrum.

Bei SMS sind die Zahlen sehr rückläufig <GRAFIK 3>. In Deutschland wurden noch durchschnittlich 7 SMS pro User und Monat verschickt. Der EWR-Durchschnitt liegt bei gut 60. Frankreich ist Spitzenreiter mit über 280, in Spanien ist die SMS dagegen fast ausgestorben. Beim mobilen Internet <GRAFIK 4> liegt Deutschland ziemlich weit hinten mit einem Durchschnittsverbrauch von etwa 1 GB pro Kunde. Der EWR-Durchschnitt liegt über doppelt so hoch mit 2,15 GB. Finnland ist dabei Spitzenreiter mit 14 GB.

Fazit

Was heißt das jetzt für die deutschen Preise im Vergleich zum EWR? Der Erlös pro Kunde liegt knapp unter dem EU-Durchschnitt. Dafür telefoniert der Kunde aber nur etwa halb so viel, schickt kaum noch SMS und verbraucht nur knapp die Hälfte der Daten verglichen mit anderen EWR-Ländern. Man könnte also sagen, dass bei gleichen Kundenerlös in Deutschland nur etwa halb so viel Leistung nachgefragt oder erbracht wird, wie im EWR-Durchschnitt. Dies erklärt, warum sich für Kunden die Preise als relativ hoch anfühlen und deutet auch auf eher höhere Preise hin.

EU Mobile Broadband Prices 2017

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Bericht

Jedes Jahr publiziert die Europäische Kommission einen Bericht über die Preise im mobilen Internet. Die Studie für 2017 wurde von den deutschen Organisationen Empirica und TÜV Rheinland erarbeitet und am 13.3.18 von der Kommission vorgelegt. Sie ist die umfangreichste Untersuchung in dieser Art. Datenpreise in der EU, EWR, Türkei, Japan, Südkorea und den USA werden darin verglichen.

Inhalt

In der Studie wurden zwei genau definierte Warenkörbe mit Combo-Tarifen (oft "Smart-Tarife" genannt) aus Sprachminuten, SMS und mobilen Internet und ein anderer Korb mit reinen Datentarifen in den jeweiligen Ländern 2017 von den 3 größten Anbietern abgefragt. Die Studie kommt zum Schluss, dass allgemein die Preise ggü. 2016 gesunken sind und Deutschland dabei ziemlich genau in der Mitte (also im Durchschnitt) der über 30 Länder liegt. In der Länderübersicht landet Deutschland dabei sogar leicht unter dem Median. Wie kommt nun dieses überraschende Ergebnis zustande?

Bei der Betrachtung der Ländermatrix fallen 2 Dinge auf. Sowohl bei den Combo-Paketen für Smartphones als auch bei den reinen Datenpaketen sind kleine Pakete relativ günstig, aber größere relativ teuer ggü. anderen Ländern. Dies wird auch aus der Tabellendarstellung des deutschen Warenkorbs deutlich. Außerdem scheinen die Combo-Pakete generell etwas günstiger zu sein im Verhältnis als die reinen Datenpakete.

Fazit

Die Combo-Pakete stellen eine Schwierigkeit in der Studie der EU dar. Handelt sie doch angeblich nur von mobilen Internet, werden hier Pakete berücksichtigt, die zwar bei Smartphonenutzern populär sind, aber deren Kalkulation für mobiles Internet ggü. Anruf- und SMS-Gebühren im Paket unbekannt bleiben. Das deutsche Ergebnis als eher "mittel-teures" Land in der Preisskala wird eindeutig durch die Combo- nicht die Datenpakete gerettet. Hier bleibt der Datenanteil aber unbekannt. Es könnte also sein, dass vergleichsweise günstigen Anruf- und SMS-Gebühren in Deutschland durch die "Smart-Pakete" und ´"All-Net-Flats" die Preise im Vergleich drücken und mobiles Internet in Deutschland so etwas günstiger darstellen als es in Wirklichkeit ist.

Rewheel Digital Fuel Monitor 9th rel. 1H2018

Rewheel Digital Fuel Monitor 2017

Bericht

Das finnische Telekommunikations-Marktforschungsbüro Rewheel veröffentlicht halbjährlich eine Studie zum "State of 4G pricing". Der neueste "Digital Fuel Monitor" für das erste Halbjahr 2018 wurde im Mai 2018 vorgelegt. Rewheel vergleicht darin die Preise in OECD-Ländern und interessiert sich dabei insbesondere für große Datenpakete und schnelles LTE-Internet. Hintergrund für das Unternehmen ist häufig die Frage, inwieweit LTE einen Ersatz für andere Breitbandtechnologien im jeweiligen Land darstellen könnte.

Es kommt dabei zu etwas anderen Ergebnissen, wie schon der Blick auf die beiden Europakarten zeigt.

Inhalt

Eine zentrale Frage, die sich die finnischen Marktforscher stellen ist, wieviel 4G/LTE-Internet (mit mind. 3 Mbit/s) bekommt der Kunde in den Ländern für 30 € (oder dem lokalen Gegenwert). Alle Betreiber und MVNOs werden betrachtet, aber nur Tarife mit 4G/LTE-Zugang fließen in die Studie mit ein.

Die Studie vergleicht ähnlich wie die EU Combo-Pakete (die sie "Smartphone-Tarife" nennt) und reine Datenpakete, aber verstärkt im High-End-Bereich. In Jahr 2018 gibt es in der Hälfte der 28 EU-Märkte Smartphonetarife mit 100 GB bis unbegrenzt (mind. 3 Mbit/s). In Deutschland bekommt man dafür gerade mal max. 25 GB in Combo-Paketen und noch weniger in reinen Datenpaketen. In der Studie wird Deutschland genannt als Land, wo "exorbitante" Datenpreise verlangt würden. Generell zeichnet die Untersuchung ein sehr viel teureres Bild vom Angebot an mobilen Daten in Deutschland als die EU-Studie.

Rewheel Digital Fuel Monitor 1H/2018

In der neuesten Statistik vom Mai 2018 wurde die Datenbasis verbreitert und nicht nur nach Paketen zu 30 €, sondern von 5-80 € gesucht. Dabei fiel den Statistikern auf, dass die Anzahl der Mobilfunknetze im Land eine entscheidende Rolle bei der Preisbildung spielt. Der durchschnittliche Median pro GB in der EU lag bei 2,30 € im April 2018, während er in Ländern mit 4 Netzen bei nur 0,84 € lag. In diesen 4-Netz-Ländern bekommen Verbraucher in der Regel 3x so viel Daten für 20 € und doppelt so viele Daten für 30 € als in Ländern wie Deutschland mit 3 Netzen.

Fazit

Wie sind die Unterschiede zur EU-Studie zu erklären? Der Grund ist leicht ausgemacht: Rewheel konzentriert sich nur auf einen relativ kleinen Ausschnitt: insbesondere höherwertige LTE-Tarife.

Während in Deutschland 2017 der Durchschnittsuser nur etwa 1 GB im Monat verbraucht hat und gerade mal 40% aller SIM-Karten LTE nutzen, scheinen einige Tarife, aber auch Nutzungen außer Reichweite. Wenn der durchschnittliche Deutsche gut 10 € monatlich ausgibt, interessiert ihn die Frage, was er dann (theoretisch) für 30 € bekäme weniger. In Deutschland sind höherwertige LTE-Tarife relativ teuer. Dies deutet auch die EU-Studie an. Dieser Fokus wurde dann im neuen Bericht 2018 verbreitert und mit dem Vergleich zwischen Ländern mit 3 ggü. Ländern mit 4 Netzen eine plausible Begründung dafür gegeben. Deutschland als 3-Netz-Land leidet unter mangelnden Wettbewerb, was zu höheren Preisen führt.

Zusammenfassung

Alle 3 Studien haben eigene Schwächen. Die BEREC-Studie ist gar nicht für die Preise gemacht worden und zeigt nur die Nachfrage- nicht die Angebotsseite. Sie erklärt, warum wir die Preise als hoch empfinden, beweist aber nicht, dass dies auch so ist.

Das sollen die anderen beiden Studien zeigen, die das Angebot vergleichen. Die haben aber beide ein Problem mit den Combo-Paketen. Beide Studien stellen fest, dass Combo-Pakete vergleichsweise günstig ggü. reinen Datenpaketen in Deutschland verkauft werden. Nun wäre naheliegend, davon auszugehen, dass der Sprach- und SMS-Anteil in diesen Paketen den Preis drückt und der Internet-Anteil den Preis treibt. Weil die Provider sich nicht in die Kalkulation schauen lassen, ist dies aber nicht beweisbar. Es könnte auch sein, dass der Wettbewerb in Deutschland mehr über die als "smart" verkauften Pakete geht, als über reine Datenpakete, die mehr für Tablets oder Laptops geeignet sind.

Der Rewheel-Studie ist zudem noch das Problem anhaftend, dass sie verstärkt ein Marktsegment untersucht, dass in Deutschland (noch) nicht massentauglich ist. Dabei erklärt sie zwar die Gründe für die Preisfindung besser, indem sie 3- und 4-Netz-Länder vergleicht.

Beide Studien stellen aber auch folgende Gemeinsamkeiten über den deutschen Markt fest:

  • Combo-Pakete werden in Deutschland ggü. reinen Datenpaketen nur mit geringen Aufschlägen verkauft. Die Combo-Pakete sind also relativ günstig ggü. den Datenpaketen bzw. die Datenpakete sind relativ teuer.
  • große Daten- und große Combo-Pakete sind im internatl. Vergleich relativ teuer. Der Preisnachlass für größere Datenmengen ist in Deutschland anscheinend geringer als in vielen anderen Ländern.
  • Pakete in den deutschen 4G/LTE-Netzen von Vodafone und insbesondere der Deutschen Telekom sind verhältnismäßig teuer, sowohl ggü. dem Telefónica-Netz als auch im internationalen Vergleich.
  • das Preisniveau in Deutschland im Vergleich zu anderen Märkten in der EU ist generell je nach Paketart, Anbieter, LTE-Zugang, Nutzungsverhalten und Datenmenge von mittel bis sehr hoch einzuschätzen.

Quellen

Zum Nachlesen im Internet (auf Englisch):

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